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Nein, er ist nicht tot, der Kapitalismus. So jedenfalls Timo Daum in "Das Kapital sind wir", eine Nautilus Flugschrift. Allerdings wird der Kapitalismus zukünftig nicht mehr auf Massenproduktion und Massenkonsum basieren, die Anhäufung von Geldwerten wird über die Nutzung von Daten geschehen. Gewinn wird über die Strukturierung und private Aneignung allgemein öffentlicher Daten erzeugt. Anders als im klassischen Kapitalismus wird nicht mehr die Arbeitskraft direkt ausgebeutet, Wertschöpfung geschieht über Kontrolle und Strukturierung von Daten.

 

Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das das Ende menschlicher Arbeit, Produktion und Distribution von Gütern wird immer mehr durch selbststeuernde Maschinen erfolgen.

Diese neue Form des Kapitalismus wird auf drei Säulen stehen:

  • Ausbeutung des General Intellect / immaterielle Arbeit

  • Permanente Innovation als Profitquelle

  • Privatisierung des von Nutzern erzeugten Inhalts

1. General Intellect

Ein von Marx geprägter der Begriff, der das allgemein vorhandene Wissen in seiner Bedeutung für die Produktion von Gütern bezeichnet. Der Begriff bezieht sich auf die Anteile im Produktionsprozess, die nicht in der direkten Bearbeitung eines Gegenstandes liegen. Ein Beispiel: Es gibt ein allgemeines Wissen um die Bedeutung und Anwendungsmöglichkeiten chemischer Reaktionen oder der Elektrizität, das nicht einzelnen Unternehmen gehört.

2. Permanente Innovation

In der kapitalistischen Warenproduktion wird Innovation angetrieben durch die Märkte, innovative Firmen haben einen Vorsprung vor den Konkurrenten. Wenn aber die lebendige Arbeit in der Produktion der Güter nicht mehr der Faktor ist, der den Mehrwert schafft, dann ist es die immaterielle Arbeit, die in den Innovationen steckt. Das beste Beispiel sind die permanenten Erneuerungen im Automobilbau, die immer neue Produkte oder Erweiterungen entwickeln. Genau so auch in der Softwareindustrie: Es werden immer neue Erweiterungen angeboten, die nicht mehr gegen die Konkurrenten gerichtet sind, sondern das Produkt an sich aufwerten sollen.

3. Privatisierung gesellschaftlich erzeugter Inhalte

Während früher Wissen durch Forschung oder Erfahrung der Arbeitenden angehäuft wurde, werden heute Daten durch die Nutzer des Internets direkt oder indirekt erzeugt. Die IT-Firmen nutzen mit Hilfe der Softwareplattformen (Google, Facebook, Instagram,…) diese Daten, indem sie sie auswerten und verwerten. Sie haben so den Zugang und die Organisation der Informationen in der Hand und können diese so monetarisieren. Wir selbst sind das beste Beispiel: Mit Nutzung des Internets produzieren wir unbewusst oder auch bewusst Daten. Wir sind Prosumers: Produzenten von Daten und Konsumierer der aufbereiteten Informationen.

Technologisch-ideologischer Komplex

Grundlage der neuen Technologie sind die Datenverarbeitung und Informationsgewinnung durch die Entwicklung von Computern als universelle Maschinen sowie die Vernetzung dieser Rechner durch das Internet. Vorreiter der herrschenden IT-Strukturen waren in den 70er und 80er Jahren einerseits das amerikanische Militär und andererseits die Jugend- und Hippiebewegung in Kalifornien. In diesem Konglomerat sind folgende Ideologien bestimmend:

  • Neoliberalismus (Der Staat kann die Probleme nicht bewältigen)

  • Technologiegläubigkeit (Man kann alles erreichen mit Technologie)

  • Hippiekultur (Die Welt verbessern)

Diese Ideologien führten zum Zurückdrängen des Staates und damit der Sozialsysteme fordistischer Prägung. Die IT-Unternehmen übernehmen öffentliche Aufgaben wie Bildung oder Verwaltung und bestimmen gesellschaftliche Entwicklungen (Neoliberalismus).

Der Glaube an die Möglichkeiten technischer Systeme erzeugte eine Vielzahl an Anwendungen:. Internet, Browser, Künstliche Intelligenz, Wettervorhersagen, Produktionssteuerung, Datenbanken... (Technologiegläubigkeit).

Die in der Hippiekultur verbreitete Vorstellung des sich selbst entwickelnden Menschen führte zu einer Aufhebung der Trennung von Arbeit und Leben. Ziel ist die Selbstverwirklichung, auch in der Arbeit. Verbunden mit dem protestantischen Arbeitsethos bedeutet das aber für viele Selbstausbeutung (Clickworker).

Zukunft

Daum hebt den innovativen Charakter des Kapitalismus hervor, der es immer wieder versteht, sich zu regenerieren. Gegenüber der Situation von 1848, dem Erscheinungsjahr des kommunistischen Manifests, gibt es eine Reihe sozialer Fortschritte: Die absolute Armut hat abgenommen, Kinderarbeit gibt es nur noch vereinzelt, es existiert ein weitgehend kostenfreies Schulsystem und es sind soziale Sicherungssysteme entwickelt worden.

Der digitale Kapitalismus fußt auf technologischen Fortschritten, die die Bedeutung der menschlichen Arbeit im Produktionsprozess reduzieren. Einen Ausweg aus der drohenden Massenarbeitslosigkeit mit allen politischen und gesellschaftlichen Verwerfung könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen bieten.

Allerdings gibt es da sehr unterschiedliche Ansätze:

Chicago

Wirtschaftsliberale treten für das Grundeinkommen ein, weil die Aufwände der Unternehmen für die vorhandenen sozialen Sicherungssysteme entfallen würden. Ziel ist ein Grundbetrag, der sich am Existenzminimum ausrichtet, ansonsten sollen die Empfänger die Mittel nutzen, um unternehmerisch tätig zu werden. Eine Garantie, dass die Menschen damit auch ein Auskommen haben, ist nicht vorhanden.

Ein anderer aus Wirtschaftskreisen gewünschter Effekt ist die Pazifizierung der von der Digitalisierung benachteiligten Menschen durch ein effizienteres System der sozialen Absicherung.

Linke

Ziel linker Gruppen ist, über die reine Existenzsicherung hinaus auch die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe zu schaffen. Daher ist der angestrebte Betrag des Grundeinkommens nicht nur ein Grundbetrag, der die Existenz sichern soll, sondern ein Einkommen, das gerechte Lebensbedingungen schafft. Weitergehende Überlegungen betonen zusätzlich die Chance zur Befreiung vom Arbeitszwang.

Private Initiative

Es gibt soziale Initiativen, die die Möglichkeiten der Plattformen im Internet nutzen und über private Finanzierung ein Grundeinkommen für Menschen organisieren. Die staatlichen Sozialsysteme werden als unzureichend angesehen, die Finanzierung solcher Initiativen ist privat organisiert.

Sozialstaat

Gegen die Ideen des bedingungslosen Grundeinkommens wird der Sozialstaat verteidigt. Neben Hartz4 ist der Mindestlohn ein Ansatz, um die Existenz zu sichern.

Allgemeine Sozialversicherung

Durch Digitalisierung verändern sich auch die Arbeitsverhältnisse weg von lebenslanger Festanstellung in Vollzeit. Daum zeigt, dass der Anteil von atypischen Beschäftigungen - Minijobs, Clickworker, Werkvertrag, Scheinselbstständigkeit - kontinuierlich gestiegen ist. Um diesen atypischen Arbeitsverhältnissen Rechenschaft zu tragen, könnten, nach Vorbild eines Vorschlags aus den USA, alle Arbeiten sozialversicherungspflichtig werden.

Zur Sonne, zur Freiheit

Einen grundsätzlich neuen Weg sieht Daum in der Aufhebung der Verbindung von Arbeit und Leben. Hier sieht Daum Chancen, die es zu nutzen gelte.

Er kritisiert den schon im kommunistischen Manifest formulierte Arbeitszwang. Auch heute werde in verschiedenen linken Organisationen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben mit der Arbeit gekoppelt und die Verteidiger des Sozialstaats halten weiter an der Idee der Vollzeitbeschäftigung für alle und damit auch am Arbeitszwang fest. Nur wer arbeite habe auch das Recht sozial abgesichert zu sein. Eine Bindung der Existenzsicherung und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben an Arbeit ignoriert diejenigen, die nicht arbeiten können oder wollen.

Er setzt dagegen das Recht auf menschenwürdiges Leben ohne direkten oder indirekten Arbeitszwang. Ein Weg dazu scheint für ihn in den Möglichkeiten des bedingungslosen Grundeinkommens zu liegen. Allerdings sieht er das BGE nicht ohne Vorbehalte. Er lehnt alle Modelle ab, bei denen das Grundeinkommen dazu dient, die Arbeitskraft zu verbilligen oder Menschen wieder zum Arbeiten fit zu machen. Vielmehr sollte allen durch das Grundeinkommen unabhängig von Geschlecht, Alter oder Status Existenz und Teilhabe ermöglicht werden.

Darüber hinaus geht er noch einen Schritt weiter und entwirft die Vorstellung, von einem durch Geld basierten Grundeinkommen weg zu kommen zu einer nicht monetären Deckung der Grundbedürfnisse.

Offene Fragen

Einige offene Fragen bleiben aber:

Gilt der von Daum geschilderte Status des Kapitalismus auch international oder ist das nur die Beschreibung der Industriestaaten? Das Outsourcing ist rückläufig, was passiert also mit den Näherinnen in Bangladesch?

Warum gibt es Clickworker, warum gibt es immer noch und immer wieder neue „Scheißjobs“, die eigentlich von Maschinen erledigt werden könnten? Sind solche Jobs immer noch rentabel gegenüber den Kosten für vergleichbare Aufgabe auf IT-Basis. (Müllwerker, die die Tonnen ans Auto hängen, Cleaner in Manila)

Wie hoch sind die realen Kosten der Infrastruktur der Digitalisierung? In Frankfurt verbrauchen die Serverfarmen des Internets rund 20% des Stromverbrauchs.

Wie kann das BGE finanziert werden? Besteuerung des Datenflusses wie bei der Transaktionssteuer? Umsatzsteuer der IT-Großfirmen?